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Es gibt da einen uralten Spruch, den man immer wieder hört.
"Skifahren muss weh tun,
das war schon immer so und wird immer so sein"
doch....ist dies heutzutage wirklich noch so?
Fährt man auf die diversen Hütten zu, kann man ein immer gleiches Zeremoniell beobachten. Männer wie Frauen knien direkt vor den Eingängen nieder und gehen erst dann in das jeweilige Pisten-Restaurant. Ist das eine Art der Demutsbezeugung? Ein vorsichtshalber-mal-hinknien falls der Traummann / die Traumfrau vor einem auftauchen sollte? Nöö, weder das eine, noch das andere. Es ist das übliche (oder soll ich sagen, leider übliche?) Problem mit schmerzenden Füßen beim Skifahren.
Wenn man sich mal einen Skischuh betrachtet fällt wohl jedem auf, dass dieser aufgrund seines Kunststoffgehäuses nicht so nachgibt, wie ein gewöhnlicher Straßenschuh, dementsprechend wichtig ist es, schon von vornherein einen bequemen und vor allem auch passenden Schuh zu wählen, doch wird dem leider zuwenig Aufmerksamkeit geschenkt.
Damit euch dieses Zeremoniell des Kniens erspart bleibt (es sei denn ihr habt wirklich eure/n Angebetete/n gefunden), möchte ich euch hier mal etwas dazu schreiben, wie ihr vielleicht dieses Problem lösen könnt. Sowohl wenn ihr bereits drückende Schuhe besitzt, wie auch, wenn ihr euch Schuhe kaufen wollt, wobei ich letztere Gruppe natürlich leichter "bedienen" kann.
Ihr habt Interesse? OK, dann legen wir mal los:
Worauf muss ich grundsätzlich achten?
Also, bevor wir dieses Thema beleuchten können, müssen wir mal etwas über den Ski-Horizont hinausblicken und uns die Verkaufsgewohnheit eines Otto-Normalkäufer anschauen. Wonach richtet er sein Augenmerk beim Kauf?
1. Markenname
2. Werbung
3. Mode
4. Design
5. vorliegendes Angebot des bevorzugten Sporthauses
6. Beratung
7. Passend
Ihr merkt was? Da läuft etwas Grundsätzliches verkehrt. weil erstens die Entscheidung Bequem/unbequem (hier unter Pkt. 7 als "Passend" bezeichnet) eines der letzten Kaufkriterien ist bei vielen und zweitens der direkte Einsatzzweck garnicht hinterfragt wird. Es sei denn, man trifft auf einen wirklich guten Verkaufsberater, der einen dann in die richtige Richtung zu bringen versucht.
Was soll ich z.B. mit einem ultraharten Rennschuh, in dem mir vielleicht nach ein paar Stunden die Füße schmerzen, wenn ich doch ein Anfänger bin, oder mich zu den Genuss-Skifahrern zähle? Nur weil ein Meyer, Eberharter oder eine Kostelic, Gerg und Co. dieses Schuhmodell fahren? Hallo? Ihr die ihr das denkt, guckt euch noch mal genau eine Live-Übertragung eines Rennens an. Die Brüder und Schwestern der eiligen Fraktion schließen ihre Schuhe nämlich erst direkt vor ihrem Lauf und sobald sie unten sind, haben sie die Teile auch schon wieder auf und die fahren nur einen einzigen Lauf, nicht den ganzen Tag! Also. Grundsätzlich muss man als Ausgangsposition beachten, was sein persönliches Ziel ist.
Rennfans, sollten durchaus zu den härteren sportlichen Modellen greifen, aber der Rest greift zu anderen Modellen und zwar unter folgenden Aspekten:
Die Grundanforderungen
- Welche Ziele habe ich?
- Welchen Stil fahre ich, bzw. will ich auch weiter fahren? Überwiegend Carving, oder doch Klassisch?
- Welche Könnens-Stufe beanspruche ich für mich?
- Wie viel und wie oft fahre ich pro Jahr Ski?
- in welchen Gebieten bewege ich mich? Also überwiegend / nur Piste, oder Tiefschnee, Funpark, etc.
Wie ihr seht, können sich aus den oben genannten Punkten eine Vielzahl von individuellen Möglichkeiten entwickeln, die dann noch wieder in Einklang gebracht werden müssen mit dem Hauptproblem:
Den Füßen..
Ich hab z.B. das Problem, dass meine Füße denen von Donald Duck nicht unähnlich sind. Hinten noch relativ normal gehen sie vorne ziemlich pilleplantschmäßig auseinander. Also kann ich schonmal einen Schuh, der über die gesamte Länge hin gleichmäßig geschnitten ist, vergessen. Andere Leute wiederum haben das Problem, dass sie einen hohen Rist haben, andere haben den Superschmalfuß, wie soll da die Industrie reagieren? Ganz einfach. Mittels Erhebungen wurde irgendwann mal der sogenannte "Durschnittsfuß" ermittelt. Und an diesen Fuß angelehnt werden die Schuhe gebaut. Die eine Firma geht dann von diesem Grundmuster mehr in die Breite, während andere Firmen darum was Enges schnitzen. Also, wie komm ich dann zu meinem Idealschuh? Einfach. Nachdem ich nach Möglichkeit, die größte Zahl der Anforderungen an den Schuh zusammen habe und die grobe Richtung einschätzen kann, geht es an die Anprobe. Hier gibt es dann wiederum folgendes zu beachten:
Die Anprobe
Das wichtigste bei der Anprobe ist die Zeit. Zum einen die Zeit, die man für die eigentliche Anprobe zur Verfügung hat und zum anderen die Uhrzeit, in der man die Probe macht.
- Wieso ist die Tageszeit interessant?
Ganz einfach zu beantworten: Im Laufe des Tages (vorausgesetzt ich liege nicht den ganzen Tag rum), schwellen die Füße automatisch etwas an, weil durch das ganze Stehen und Sitzen die Blutzirkulation so verläuft, dass die Füße minimal größer werden. Steht man also morgens auf, fährt in den nächsten Sportladen und probiert direkt Skischuhe an, kann man später auf der Piste eine üble Überraschung erleben, denn dort herrschen andere Bedingungen. Durch die Höhenluft z.B. verändert sich die Blutzirkulation etwas und durch die sportliche Belastung kommt es viel früher zum Anschwellen der Füße, was wiederum zu starken Druckschmerzen führen kann. OK, nun da ich das jetzt weiß, kaufe ich mir meine Schuhe halt so, dass sie etwas lockerer sitzen. Klar, könnte man machen, nur weiß ich genau, wie stark meine Füße anschwellen? Ich für meinen Teil weiß es nicht. Daher mein Tipp: Am besten die Schuhe zum Nachmittag hin anprobieren, denn da hat man einen guten Fuß-Durchschnittswert.
- Und wieso muss ich mehr Zeit kalkulieren für eigentliche Anprobe?
Auch diese Frage ist relativ leicht zu beantworten. Die heutigen Schuhmodelle haben fast alle durchweg thermoverformbare Materialien in ihren Innenschuhen, die sich erst nach einer gewissen Zeit dem Fuß anpassen. Daraus folgt: Ich probiere grundsätzlich beide Schuhe an (Füße sind schließlich zu 90% nicht gleich groß) und behalte sie auch so 10-15min. an. Dabei muss ich mich aber auch bewegen, Still sitzen bleiben und mit dem Verkäufer talken bringt kein gutes Resultat, denn nur wenn ich bei allen Bewegungen das Gefühl habe, dass nichts schlackert oder drückt, oder rutscht, oder zieht, kann ich mir sicher sein, dass ich einen Schuh gefunden habe, der zumindest schon mal in die engere Auswahl kommt.
So, das zum Thema Zeit. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, das
Wie stelle ich fest, wann ein Schuh passt?
Hierzu kann ich aus Erfahrung folgendes sagen: Zum ersten ist es wichtig, dass man in den Schuh hineinkommt ohne große Stauchungen oder sonstigen Schwierigkeiten. Man muss quasi hineinschlüpfen können. Dann wenn der Schuh zugemacht wird, einmal vorher die Hacke kräftig auf den Boden stampfen, denn so rutscht der Fuß richtig in das Fußbett hinein. Danach schließt man die Schnallen normal. Dabei sollte keine übermäßige Kraft benötigt werden (geht nicht so großzügig mit euren Körnern um, die braucht ihr zum Skifahren, nicht zum anziehen schon verschießen) und die Schnallen sollten auch nicht bis zur letzten Lasche durchgezogen werden. Ist dies der Fall, muss man davon ausgehen, dass der Schuh schon zu weit ist. (OK, davon abweichend kann es auch sein, dass man zur Kategorie Kindersärge gehört und es als Optimal empfindet)
Nun habe ich den Schuh also an, den ich übrigens komplett im Sitzen angezogen habe und stehe auf. Dabei muss ich mit meinen Zehen (mindestens ein Zeh) so eben den Vorderschuh berühren/spüren, ohne das der Zeh gestaucht ist. Wenn ich dann in Vorlage gehe, also leicht in die Knie hocke und mich dabei etwas nach vorne beuge, darf ich absolut keinen Schuhkontakt vorne mehr am Zeh spüren. Der nächste Schritt, ist wirklich einer. Ich laufe nämlich etwas durch die Gegend. Dabei kann ich feststellen, oder Schuh schlackert oder irgendwo am Fuß reibt. Hierbei habe vor allem das Fersenspiel im Auge, wobei die Ferse fest, aber nicht zu stramm im Schuh fixiert sein sollte. Dann beachte ich auch die sogenannte Zehenbox, also den Vorderschuh. Viele Menschen haben leichte Überbeine an den Seiten. Diese dürfen auch weder gestaucht sein, noch dürfen sie irgendwo reiben, denn sonst sollte man schon ein paar Liter Blasensalbe für den nächsten Urlaub einkalkulieren. Natürlich setze ich mich auch hin und wieder, da ich ja auch im Skiurlaub nicht wie ein Pferd permanent stehe.
Nach ca. 10. Minuten müsste sich der Innenschuh weitestgehend angepasst haben und ich wiederhole noch mal die Übungen mit dem Vorbeugen und rumlaufen und so. Auch jetzt darf sich der Schuh nicht so geweitet haben, dass irgendwie wesentlich was rutscht. Ist das alles OK? Nun gut, dann seit ihr eurem Ideal-Skischuh schon wieder einen riesigen Schritt näher gekommen.
Worauf muss ich sonst noch achten?
Klar ich sollte natürlich keine dünnen Seidenstrümpfchen zur Skischuhanprobe anhaben, sondern schon richtige Skisocken.
Außerdem sollte man nicht mehr als maximal 4 Paar Skischuhe an einem Tag testen, da der Fuß durch das häufige Quetschen in diversen Schuhen zum einen verstärkt anschwillt und zum anderen auch in gewisser Weise gefühllos wird und so eine objektive Anprobe nicht mehr möglich ist.
Achtet beim Skischuhkauf auch auf eure Waden. Skischuhe sind unterschiedlich hoch geschnitten. Bei manchen kann es zu Wadenkrämpfen führen, da die Wadenmuskeln durch einen zu hohen Skischuh gequetscht werden.
Dann, wenn ich mir Skischuhe gekauft haben sollte, wäre es nicht schlecht, sie ein paar Mal abends zum Fernsehen für 15-30min. anzuziehen um die Innenschuhe wirklich an eure Fußgeometrie anzupassen (Vertraut mir, die Nachbarn lieben dieses Geräusch, das Skischuhe beim Laufen auf Teppichboden oder Laminat erzeugen und werden es regelrecht missen, wenn die Schuhe denn mal passen)
Was mache ich, wenn mir kein Schuh so richtig passt?
Na ja. Das ist natürlich nicht so gut, denn barfuss Skilaufen ist nicht so der Bringer, aber es gibt immer ein paar Tricks, wie man dagegen angehen kann. Dies ist übrigens auch für diejenigen Interessant, die bereits Skischuhe haben und sich damit rumquälen.
Ich hab also den Schuh, der mir am besten passt, aber dennoch habe ich eins der nachfolgenden Symptome, dann lest euch den anschließenden Bereich durch, vielleicht kann ich euch damit ja etwas helfen.
- es drückt an einer bestimmten Position ein bisschen
Hier gibt es verschiedene Möglichkeiten. Die am weitesten verbreitete ist die des Schuhaufwärmens (geht aber nur bei relativ neuen Schuhen, wo die Polster noch alle Ok sind). Hierbei wird der Schuh relativ hoch, mittels Skiheizungen, aufgewärmt. Anschließend steigt man sofort in die warmen Schuhe hinein und lässt diese direkt am Fuß auskühlen. Damit haben sich die Innenschuhe dem Fuß auf bestmögliche Weise angepasst.
Zusätzlich kann man den Schuh auch noch "Fräsen" lassen. Hier wird an der beschriebenen Druckstelle etwas vom Innenschuhmaterial abgenommen. Evtl. auch vom Schalenmaterial, aber das wird eigentlich nur dann gemacht, wenn der Schuh an der entsprechenden Stelle sehr dünn ist.
- Meine Ferse rutscht etwas
Wenn ein geringfügiges Links-Rechts-Spiel festzustellen ist, kann man dem entgegenwirken, indem der Innenschuh minimal "aufgepolstert" wird an der entsprechenden Stelle, dabei reicht meist schon ein oder zwei Lagen Textilklebeband außen am Innenschuh angebracht und das Spiel ist weg.
Bei einem vertikalen Spiel wird meist ein Fersenkeil verwendet. LOWA z.B. legt ihren aktuellen Schuhen bereits einen verstellbaren Keil bei. Ansonsten kann man sich auch den normalen in Schuhläden erhältlichen Keilen bedienen. Wichtig zu beachten ist dabei nur, dass dieser Keil nach Möglichkeit unter die Innensohle gelegt wird, da diese Sohlen ebenfalls thermoverformbare Oberflächen besitzen um den Fuß ergonomisch zu stützen.
- Ich hab etwas viel Luft im seitlichen Bereich
Generell sollte der Schuh den kompletten Fuß lückenlos umschließen um bestmöglichen Halt zu gewährleisten. Dies ist aufgrund der Unbegrenztheit der Fußformen für die Industrie nicht machbar. Daher habe ich 2 Möglichkeiten.
a) ich experimentier etwas mit den Schnallen rum. Alle vernünftigen Schuhe bieten die Möglichkeit, die Schnallen mit Mikro-Schrauben Feineinzustellen. Dadurch lässt sich minimales Spiel bereits regulieren. Ich sollte aber nicht hergehen und denken, dass ich durch ein festeres Verschließen den halt weiter verbessern kann, da die Schnallen ja Konstruktionsbedingt von oben um den Fuß schließen und daher den Fuß schnell quetschen können. Das wiederum bedeutet, das die Blutzirkulation nicht mehr richtig funktionieren kann und die Zehen beginnen "einzuschlafen". Gleichzeitig bekommt man mangels Blutfluss auch sehr schnell eiskalte Füße. Daher würde ich es immer auch mit Variante "B" versuchen
b) Auch hier wieder einen Streifen Textilklebeband von außen an den Innenschuh an der betroffenen Stelle kleben. Das hilft meist schon.
Was kann ich tun, wenn diese Maßnahmen auch nichts bringen?
Tja, dann gehörst du zu den seltenen Menschen die (so wie ich halt) eine ganz extreme Fußform haben.
Da bei mir generell jeder Schuh an der Seite etwas drückt, hab ich meine Schuhschale anpassen lassen, indem die Schale aufgewärmt wurde und dann mittels kleiner Luftkissen an den Druckstellen geweitet. Nun trage ich meine Schuhe wie Turnschuhe und die Anpassung hat 5€ pro Druckstelle gekostet (also bei mir waren's dann 20€ für das Paar). Man kann natürlich auch in der Gegenrichtung arbeiten, wenn der Schuh etwas zu weit ist. Ein Stauchen der Schale unter Wärmeeinfluss ist ebenfalls möglich.
Eine weitere Variante ist es, sich gleich für einen Schuh zu entscheiden, der aufgeschäumt wird. Wie das geht? Simpel. Man steigt in den Schuh ein, der mit Schläuchen an eine Druckfalsche angeschlossen ist. Sitzt der Schuh soweit, dann wird ein spezieller Schaum (die Konsistenz ist dem Bauschaum ähnlich) mit Druck in den Schuh gespritzt. Dann muss man den Schuh ca. 15min. tragen, ohne die Füße zu bewegen, damit der Schaum abhärtet. Das Ergebnis: Ich habe einen wunderbar an die Fußform angepassten Schuh. Der Nachteil dieses Prinzips liegt in der Zeit. Die thermoverformbaren Standardschuhe kann man mindestens 3-4 mal erneut erwärmen um sie anzupassen. Das geht mit einem ausgeschäumten Schuh nicht. Sollte sich also der Fuß im Laufe der Zeit etwas verändern, ist das nicht mehr ausgleichbar.
Der Custom-Skischuh
Die letzte und zugleich auch teuerste Methode gegen Schmerzen ist die Wahl zu einem Custom-Schuh, also einem Unikat. Hier gibt es auch 2 Möglichkeiten:
a) ich nehme einen Schuh von der Stange und lasse mir den Innenschuh von einem Orthopädie-Schuhmachermeister anfertigen,
oder
b) ich fahre nach Lech/Zürs in Österreich und besuche dort die Firma: STROLZ. Diese Firma hat sich darauf spezialisiert (übrigens die einzigen in Europa) direkt Schuhe in Einzelanfertigung anzubieten. Dort ist man dann aber auch Ruckzuck 6-700€ los für einen Schuh.
Fazit
Ich hoffe, ich konnte euch durch meinen Bericht davon überzeugen, dass man nicht zwingend schmerzende Füße beim Skifahren haben muss.
Aber es gilt unbedingt sich zu merken:
Lust und Frust am Skifahren hängen unmittelbar mit den Skischuhen zusammen. Einen etwas schlechteren Ski kann ich immer durch Fahrtechnik oder leichtes Kantentuning (Schleifen der Skikanten der Lauffläche in einem etwas anderen Winkel) beeinflussen. Diese Möglichkeit habe ich beim Schuh nicht. Da gibt’s keine Körpertechnik.
ALSO: Augen auf beim Skischuhkauf!!!!!!!!!!
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